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Strichmännchen
im Plenum - Die unbekannte Fraktion
Es begann am 16. Juli 1955: Der Minister für besondere Angelegenheiten, Hermann Schäfer, hatte sich während einer lustlosen Bundestagsdebatte die Zeit auf besondere Weise vertrieben; er brachte eine wunderschöne Dorfkirche zu Papier. Der junge Saaldiener des Deutschen Bundestages, Karl-Heinz Schmitt, fand die Zeichnung. Er fragte beim amtierenden Bundestagspräsidenten Carlo Schmidt nach, ob es rechtens sei, wenn er das ,,Kunstwerk" behalte. ,,Namensbruder, sammle", war dessen Antwort. Karl-Heinz Schmitt sammelte vierzig Jahre lang Zeichnungen, Skizzen, Notizen und Kritzeleien von Bonner Politikern. Hübsche Blondinen auf dem Platz von Willy Brandt, Segelschiffe aller Art von Martin Bangemann, die nicht so ernst gemeinte Forderung ,,Ringo for president" des Berliner Abgeordneten Lothar Löffler, eine Warnung von Bauernminister Josef Ertl an Herbert Wehner: ,,Tu Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen" und vieles, vieles mehr. Im Besitz des ehemaligen Platzmeisters des Deutschen Bundestages befindet sich auch eine andere Rarität: die einzige Kopie des handschriftlichen Rücktrittsschreibens von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die Sammlung von Karl-Heinz Schmitt zeigte die Bonner Republik von ihrer anderen, menschlichen Seite. Die Werkstatt Deutschland
brachte diese Exponate nach Berlin und machte diese Zeitzeugen der deutschen
Geschichte zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Potsdamer Neueste Nachrichten/Der Tagesspiegel, 29.11.1996 Kunst der Volksvertreter Viele Jahre lang ist Karl-Heinz Schmitt im Bundestag der einzige Mensch mit einer weißen Weste gewesen. Die weiße Weste gehört zur Berufskleidung des "Platzmeisters", und "Platzmeister" heißt der Chef der Saaldiener im Parlament. Auf die Zuneigung zu diesem Schmitt konnten sich alle einigen, von CSU bis PDS. Aber Herr Schmitt hatte eine heimliche Leidenschaft. Schmitt sammelte. Schmitt liebte Kunst. Geld hatte er allerdings wenig, stattdessen einen Schlüssel zum Bundestag. Also sammelte er, was die Bundestagsabgeordneten während der Sitzungen auf ihre Unterlagen gemalt, gekritzelt, gezeichnet oder geschrieben haben. Die Abgeordneten langweilten sich, oder sie waren wütend, oder sie bebilderten ihre Phantasie. Die Sammlung ist jetzt zum ersten Mal öffentlich ausgestellt, bis zum Ende des Jahres in der Berliner Grundkreditbank. Veranstalter ist der Verein "Werkstatt Deutschland", und natürlich durfte dieses nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Parlaments-präsidentin sowie der betroffenen Künstler geschehen. Die Ausstellung zeigt nicht nur Bilder, sondern auch Worte. Deswegen bewegt sie sich nicht nur im Bereich des ewig Menschlichen, sondern zeigt auch ein bißchen die Geschichte einer politischen Kultur.
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