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Denkwerkstatt Berlin |
20. Februar 1997 Denkwerkstatt
Berlin Podiumsgespräch:
Frankfurter Rundschau, 21.02.1997 Berlin von Texas aus gesehen Christoph Stölzl ist ein weitgereister Mann und noch dazu Leiter des Deutschen Historischen Museums in Berlin. So einer ist in der Pflicht, mit dem Blick des Weltmanns auf deutsche Zustände zu schauen. "Von Texas aus gesehen", belehrte er am Donnerstag in Berlin die Teilnehmer einer "Denkwerkstatt", "herrscht hier immer noch der Bolschewismus." Stölzl mußte nicht befürchten, daß einer seiner Mitdiskutanten diesen Satz als Kritik am texanischen Weltbild verstehen würde. Denn das Podium war nicht zur Bestätigung der These angetan, daß Widerspruch das Denken schärft. Das war nicht allein Schuld des veranstaltenden Vereins "Werkstatt Deutschland". Er hatte "nur" drei Plätze am Tisch mit Konservativen besetzt. Doch der einzige, der einen anderen Ton hätte anschlagen können, fiel aus: Hellmuth Karasek, gerade vom Spiegel-Kulturressort in die Herausgeber-Riege des Tagesspiegel gewechselt, hatte wegen Krankheit abgesagt. So waren sie unter sich: Christoph Stölzl, der in CDU und SPD nur "zwei große sozialdemokratische Parteien" erkennen kann undzum Beispiel bei den Grünen, die Pflege des "radikalliberalen Elements" vermißt; Lothar de Maizière (CDU), letzter Ministerpräsident der DDR und heute sehr aufgeregt, "wenn ich höre, daß die Leute mit den großen Hunden für den Köter 400 DM Sozialhilfe bekommen"; und Wilhelm Staudacher, nach glatter CDU-Karriere heute Staatssekretär bei Bundespräsident Roman Herzog, der im Besetzten einstmals "linker" Begriffe gleich die Führungsrolle übernahm. Staudacher sprach viel von "Modernisierung", von "Freiheit", "Solidarität", "Gerechtigkeit", "Reformen". Die fanden, so sieht er es, nicht etwa in der Zeit nach 1968 statt, als die Bundesrepublik über Demokratie und Bildung für alle stritt. Im Gegenteil: "Wir konnten es uns leisten, weil wir reich waren, auf Reformen zu verzichten, die Einschnitte bedeuten." Nicht, daß soziale Sicherheit keine Rolle spielte in diesen Kreisen. "Soziale Sicherheit", sagte Staudacher, "ist wichtig", und Stölzl erinnerte daran, daß am Ende der Weimarer Republik nicht zuletzt soziale Entwurrzelung die Zuwendung zu radikalen Politikentwürfen bewirkt habe. Aber die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit steht am Ende zur Disposition: "Wenn neu gestaltet werden muß", meinte Staudacher, "dann von der Idee der Freiheit her und nicht von der Idee der Sicherheit her." Stölzl formulierte es weniger präsidial und mokierte sich schlicht über das "Zuschütten mit sozialer Vanillesoße", während de Maizière zwar Ratlosigkeit eingestand, aber zugleich die bekannte Forderung wiederholte, "alle Sozialsysteme auf den Prüfstand zu stellen." Nur einmal kam Widerspruch in der Runde. De Maizière forderte, deutsche Untaten wie den Nationalsozialismus endlich "in der Geschichte einzuordnen". Das ging dem Mann aus dem Präsidialamt denn doch zu weit: "Persönliche Schuld: Nein", gestand er zu, aber: "Verantwortung für die Geschichte, aus der man kommt: Ja."
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